Titelseite von Buch von Barbara Hoffmann Kriegsblinde in Österreich 1914-1934



Kriegsblinde Erster Weltkrieg

"Giftgas" nicht die Hauptursache für hohe Anzahl an Erblindungen

Vor Beginn des Ersten Weltkrieges hätte niemand damit gerechnet, dass ca. 1,2 Prozent der Soldaten erblindet heimkehren würden. Rund 350 Österreicher verloren ihr Augenlicht im Ersten Weltkrieg.

Sechs Prozent aller Verwundungen waren Augenverletzungen. In früheren Kriegen waren es nur zwei Prozent gewesen. Der Grund dafür lag in der Kampfführung: Schützengräben, Feuern in liegender Stellung mit erhobenem Kopf, Kämpfe mit Minen sowie Handgranaten und stark splitternde Geschosse führten zu einem Ansteigen der Kopfverletzungen.  Verunreinigungen, Steinsplitter, Erdbrocken und Geschlechtskrankheiten schadeten den empfindlichen Augen zusätzlich. Häufig gibt es das Vorurteil, die meisten Kriegsblinden hätten durch den Einsatz von Giftgaskampfstoffen ihr Sehvermögen verloren. Schussverletzungen und Explosionen waren aber der Hauptgrund für dauerhafte Erblindungen. Zu den bekanntesten und wirkungsvollsten Giftgasen die eingesetzt wurden, gehörte das Senfgas. Durch diese Dämpfe wurde die Bindehaut stark angegriffen. Diese Reizung dauerte meist sehr lange an - dauerhafte Schädigungen gab es hierbei allerdings nicht. Andere der eingesetzten Kampfstoffe führten zwar durchaus zu Erblindungen, wenn man direkt mit ihnen in Kontakt kam. Nur wer so nah mit diesen Stoffen in Verbindung kam, überlebte dies meistens nicht, da es neben der Augenverletzungen auch noch zu starken Verätzungen der Atemwege kam.

Beispielloses Versorgungsnetz für die Kriegsblinden

In einer landwirtschaftlichen Schule für Kriegsblinde lernten sie mit Hilfe von gespannten Schnüren selbständig in einem Gemüsebeet zu arbeiten. Quelle: Georg Halarevici.

Trotz der hohen Anzahl von Kriegsblinden gelang es, in Österreich ein Versorgungsnetz für diese Menschen zu spannen, welches engmaschiger war als in den meisten anderen kriegsführenden Staaten. Schon unmittelbar nach Kriegsbeginn wurden die ersten erblindeten Soldaten im k. k. Blindenerziehungsinstitut in Wien versorgt. Später übernahmen dann auch andere Einrichtungen die Betreuung dieser Personengruppe. Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei auch das Odilien-Institut in Graz.

Sehr fortschrittlich waren die Bemühungen, für die Kriegsblinden wieder eine sinnvolle Beschäftigung nach ihrer Entlassung aus dem Militärdienst zu finden. In Oberösterreich wurde deshalb zum Beispiel die europaweit erste landwirtschaftliche Kriegsblindenschule gegründet. In der Ersten Republik konnte außerdem 77 Prozent der Kriegsblinden eine eigene Trafik zugeteilt werden. Die klassischen Blindenberufe wie Bürstenbinder oder Korbflechter waren dadurch nicht mehr nur die einzige Arbeitsmöglichkeit für diese Betroffenen. Auch bei einer akademischen Ausbildung für die erblindeten Kriegsopfer unterstützt.

Dieses Bild zeigt einen armlosen Kriegsblinden, der eine Bohrmaschine mit Fußpedalen bedient. Quelle: Paul Perls.

Zwei Klassen von blinden Menschen

Diese vorbildliche Versorgung der Kriegsblinden war nur deshalb möglich, weil man bereits auf die Erfahrungen und Einrichtungen des zivilen Blindenwesens zurückgreifen konnte. Obwohl sich viele „Friedensblinde“ für ihre im Krieg erblindeten „Schicksalskameraden“ einsetzten, erreichten sie nie dieselbe Anerkennung. Es entstand hingegen sogar ein „Zwei-Klassen-System“ von blinden Menschen. Viele der zivilblinden Handwerker waren durch die Kriegsblinden benachteiligt, weil diese auf Grund großzügiger staatlicher Förderungen preiswerter produzieren konnten.

Weiterführende Literatur u. a.:

Barbara Hoffmann, Kriegsblinde 1914-34, (= Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, Blaue Reihe, Bd. 9 ), Graz 2005.

Otto Jähnl, Die österreichischen Kriegsblinde der beiden Weltkriege, Wien, Köln, Weimar 1994.